Ergebnisse der Mieter-Umfrage in Berlin: Zwei Drittel unzufrieden. Wahljahr wird Stresstest.
Im Berliner Wahljahr geraten die Wohnungsunternehmen zunehmend unter Druck – nicht nur börsennotierte, auch landeseigene. So hat die Gewobag in den vergangenen Jahren Zufriedenheitsbefragungen unter ihren Mietenden durchgeführt. Allerdings wurden die Umfrageergebnisse trotz Nachfragen nicht veröffentlicht. Ein Grund, warum wir, die Mieter:inneninitiative Bülowstraße-Ost eine eigene Umfrage gestartet haben. Die Auswertung zeigt ein deutliches Stimmungsbild: Zwei Drittel der Befragten sind unzufrieden mit ihrer Situation als Mieter:innen, drei Viertel fühlen sich nicht oder kaum wertgeschätzt. Unter den teilnehmenden Gewobag-Mietenden fallen die Bewertungen zur Zufriedenheit und insbesondere zur Heizungsversorgung kritischer aus als bei anderen landeseigenen Wohnungsunternehmen.
Seit dem 16. Januar haben sich fast 500 Mieter:innen aus ganz Berlin an der Umfrage beteiligt. Zwei Drittel der Antwortenden geben an, insgesamt unzufrieden zu sein. Unter den Gewobag-Mietenden liegt dieser Anteil bei über 70 Prozent. Mehr als 70 Prozent der Antwortenden geben außerdem an, dass sich ihre Mietsituation in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert hat – bei den Gewobag-Mietenden sogar drei von vier.
Wir möchten betonen, dass die Befragung nicht repräsentativ ist, da uns dafür weder die notwendigen Ressourcen noch die Kontaktdaten aller Mieter:innen in Berlin zur Verfügung stehen. Gleichwohl zeigen die Ergebnisse der Online-Umfrage ein klares und ernstzunehmendes Stimmungsbild der teilnehmenden Mieter:innen.
Drei Viertel fühlen sich nicht oder kaum wertgeschätzt, viele Anliegen unbeantwortet
Ein besonders deutlicher Befund der Umfrage der Initiative betrifft das Gefühl der Wertschätzung: Drei von vier der Antwortenden geben an, sich als Mieter:in nicht oder nur wenig wertgeschätzt zu fühlen (bei Gewobag sogar 79 Prozent). Auch beim Umgang mit Anliegen berichten viele von Problemen. 78 Prozent gaben an, ein oder mehrere offene Anliegen zu haben, die nicht oder nicht zufriedenstellend beantwortet wurden. Bei Gewobag-Mieter:innen in der Umfrage liegt dieser Anteil mit 83 Prozent ebenfalls höher.
Wohnanlage und Instandhaltung größte Problemfelder
Die größten Verschlechterungen sehen die Befragten bei der Wohnanlage und der Instandhaltung:
- 75 Prozent berichten von Problemen bei der Wohnanlage (z. B. Müll, Sauberkeit, Außenbereiche).
- 65 Prozent sehen Verschlechterungen bei Instandhaltung und Reparaturen.
Auch bei der Heizungs- und Warmwasserversorgung berichten viele Mieter:innen von Problemen. Berlinweit sagen 50 Prozent der Teilnehmenden, dass sich die Situation in diesem Bereich verschlechtert habe. Unter den Gewobag-Mieter:innen in der Umfrage liegt dieser Anteil mit 59 Prozent deutlich höher. Den letzten Kontakt mit ihrem Vermieter oder ihrer Vermieterin bzw. dessen Ansprechpartner:innen bewerteten die Antwortenden überwiegend negativ, wegen einer zu geringen Lösungsorientierung. Daraus ergeben sich zentrale Erwartungen: die zeitnahe Beantwortung von Anfragen und Mängelmeldungen, feste Ansprechpartner:innen und transparente Betriebskostenabrechnungen.
Positive Erfahrungen nur punktuell
Offen danach gefragt, was besonders positiv sei, werden vor allem einzelne engagierte Mitarbeitende – etwa Hausmeister:innen oder Sachbearbeiter:innen – positiv hervorgehoben. Auch bezahlbare Mieten oder funktionierende Servicekanäle werden gelegentlich genannt. Auffällig ist jedoch: Die häufigste Antwort auf die Frage nach positiven Erfahrungen lautet „nichts". Während positive Erfahrungen meist auf einzelne Personen oder Situationen zurückgeführt werden, betreffen die negativen Bewertungen häufig die Kommunikation, Abläufe und strukturelle Probleme.
Großer Wunsch nach unabhängiger Interessenvertretung
Ein besonders klarer Befund betrifft die Rolle unabhängiger Mietendeninitiativen: 80 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Vermieter:innen unabhängigen Initiativen Gehör schenken, also als Dialogpartner:innen ernst nehmen sollten. Hintergrund ist hierbei auch die politische Diskussion um die Rolle der Mieterbeiräte bei den landeseigenen Wohnungsunternehmen und ein aktueller Konflikt: Nach zwei Gesprächsrunden zwischen uns als Mieter:inneninitiative, der Gewobag, der Senatsverwaltung und dem Berliner Mieterverein erklärte Wohnungsstaatssekretär Stephan Machulik im Herbst 2025 den Dialog für beendet. Er verwies stattdessen auf die gewählten Mieterbeiräte als alleinige, legitimierte Ansprechpartner:innen. Wir haben dies in einem offenen Brief kritisiert, da die Mieterbeiräte Verschwiegenheitspflichten unterliegen und keinen wesentlichen Einfluss nehmen können.
Wahljahr als politischer Gradmesser
Die Ergebnisse zeigen im Berliner Wahljahr die deutliche Erwartung vieler Mieter:innen an die landeseigenen Wohnungsunternehmen: bessere Erreichbarkeit, transparente Kommunikation und echte Mitsprache. Damit wird die Zufriedenheit von uns Mieter:innen zunehmend zu einem politischen Gradmesser für die Berliner Wohnungspolitik.
Methodik
Die Online-Befragung wurde von der Mieter:innen-Initiative Bülowstraße Ost durchgeführt.
- Feldzeit: 16. Januar bis 3. März
- Teilnahme freiwillig und anonym
- Verbreitung über Verteiler von Mieterinitiativen, Aushänge, Flyer sowie soziale Medien
- 485 Antworten insgesamt, davon 479 gültige Antworten zur Gesamtzufriedenheit. Da nicht alle Teilnehmenden jede Frage beantwortet haben, kann die Zahl der gültigen Antworten (n) je nach Frage variieren.
- Die Umfrage ist nicht repräsentativ